Bericht mit Bildern

24.12.14

Heiligabend-Vesper

Gemeinde Dresden-West

1816. Seit mehr als drei Jahren wüten die Befreiungskriege gegen die napoleonische Übermacht in Eurapa. Das Volk hungert, blutet aus. Erst 1813 nach der Völkerschlacht bei Leipzig können Wunden langsam heilen.


Auch Johannes Daniel Falk, evangelischer Laientheologe, Schriftsteller und Kirchenlieddichter, wurde mit seiner Familie nicht verschont. Vier Kinder verliert er durch Typhus, nur zwei bleiben ihm. Seine Frau muss er später ebenfalls betrauern. Trotzdem begründet er die Rettungshausbewegung als Jugendsozialarbeit. Er stemmt sich gegen die grauenhaften Verhältnisse, gibt verlorenen Kindern ein Zuhause, öffnet Flüchtenden die Tür. In stillen Stunden dichtet er nebenher das bekannte Weihnachtslied „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit".



Diese Geschichte bildete den Stoff für die diesjährige Vesper zu Heiligabend. Chor, Kinder und Erwachsene nahmen uns Besucher in ihrem Schauspiel mit auf eine kleine Zeitreise in die Familie Falk, in die Dramatik ihres harten, entbehrungsreichen und zugleich aufopfernden Lebens.

Pastor Andreas Hildebrandt schlug in seiner Andacht den Bogen in heutige Zeit: Menschen auf der Flucht, Menschen ohne Heimat, Menschen kommen auch in Deutschland an auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf – so wie zu biblischer Zeit eben Maria und Joseph unterwegs waren und Herberge suchten in fremder Stadt, nicht aus Lust und Laune, nicht als Touristen.



Die mahnenden Worte drangen noch weiter. Menschen kommen traumatisiert auch nach Dresden. Wie werden sie in unserem Stadtteil aufgenommen? Es sei ein Akt der Mitmenschlichkeit, Türen zu öffnen, Wege zu ebnen, Räume zu schaffen, Betätigung zu ermöglichen. Wir sind Menschen.



Mehr noch als das, so wurden wir erinnert. Deutschland rangiert an dritter Stelle im Waffenexport. Kriege treiben Menschen aus ihrer Heimat. Nebenher treiben Länder durch unsere finanziellen Beihilfen immer weiter in die Abhängigkeit. Rohstoffe werden rücksichtslos geplündert, die Arbeitskraft der Menschen gnadenlos und billig ausgebeutet. Die Armut anderer findet ihre Wurzeln in unserem grenzenlosen Reichtum, einem unverschämten Wachstum, in maßloser Gier.







Nachdenken. Nicht zu vergessen sei der Umstand, dass andere Kulturen unser Leben seit jeher meist positiv bereichert haben. Zu erinnern wäre beispielsweise an die Küche: vieles an kulinarischen Köstlichkeiten – Pizza (mitgebracht von italienischen Gastarbeitern in den fünfziger Jahren), Döner, Schokolade, Kaffee, Gewürze, Rezepte – darf unserem Gaumen kaum noch entrissen werden.



Was also wäre Europa ohne den Zufluss fremder Kulturen? Lernen wollen, Erfahrung sammeln, Gemeinsames entwickeln. Heute. Und so sei es Aufgabe auch von uns Christen, denen Raum zu bieten, die Heimat suchen. Weihnachten gibt den Anstoß zu Offenheit, Vorfreude und menschlicher Zuwendung.

Mahnend verknüpft Andreas Hildebrandt alte biblische Texte mit aktuellen Entwicklungen in unserem Land, unserer Stadt. Die Dringlichkeit ist zu spüren, die auf der Bühne dargestellte Szene fixiert in ihren Bildern auf einfache Weise die verständliche Botschaft emotional in denen, die jetzt zuhören und zuschauen. Es ist unser Thema, unsere Verantwortung – hier in Dresden-Löbtau.





Ein Dank den Initiatoren und Verantwortlichen dieser nachdenklich stimmenden Heiligabend-Vesper, Chorleiter und -sängern, den jungen und älteren Schauspielern sowie dem Erzähler, der Organistin, den Technikern und nicht zuletzt Pastor Andreas Hildebrandt.

Nähere Informationen zu Johannes Daniel Falk (1768 Danzig - 1826 Weimar),
dem Autor des Liedes „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit" >>

(Fotos und Text: LU)