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13.07.14

17. Kinderstraßenfest

Gemeinde Dresden-West und Adventjugend Dresden

Fußballweltmeisterschaft. Heute abend wird Deutschland gegen Argentinien gewinnen, aber erst in der Nachspielzeit dieses einzige entscheidende Tor schießen können, nicht eher. Grund dafür ist das Kinderstraßenfest.




Eine wahre Geschichte, kein schlechter Witz: Deutschland wird Weltmeister werden, aber alle werden warten müssen. Eine ganze Nation wird lange in Spannung gehalten werden, nicht ahnend, dass die Ursache für diese Geduldsprobe nicht auf dem Spielfeld in Rio de Janeiro zu finden ist. Es wird nicht daran liegen, dass das Spiel langweilig, die Fußballer nicht motiviert wären. Es gibt keine heimlichen Absprachen mit Trainer Joachim Löw, keine Schummeleien mit Sponsoren im Hintergrund, keine Verschwörung. Es scheint überhaupt keinen wirklichen Grund dafür zu geben, dass das alles entscheidende Tor erst nach Ende der regulären Spielzeit fallen wird.

Kampfstark wird das Spiel beginnen, es wird auch energiegeladen enden. Aber es kann kein Tor fallen – nicht in der ersten Halbzeit und auch nicht in der zweiten. Null zu Null wird das heroische Spiel bleiben, trotz blutiger Zusammenstöße der hart Kämpfenden. Danach eine Pause. Erst in der Nachspielzeit werden die Würfel fallen dürfen, nicht vorher. Denn: auch die Mitarbeiter des Kinderstraßenfestes in Dresden-Löbtau brennen darauf, dieses alles entscheidende Tor sehen zu können. Vorher aber ...



Vierzehn Uhr. Es wird gewuchtet und gewerkelt mit riesengroßen Bauklötzen, leckeres Eis gibt es zu schlecken, man kann wunderschöne schillernde Seifenblasen pusten und Erbsen zu Mus zerschlagen, mit dem Tretmobil brettern, Brötchen rösten, Tore schießen, Kisten schleppen, auf Stelzen balancieren, Gummienten angeln, Kunterbuntes basteln oder große Kegel mit der schweren Kugel köpfen.

Man kann Muster in Kartoffeln schnitzen und Bilder damit drucken, sein Gesicht zu Hund und Katze wandeln lassen, Kuchen kosten, Wasser in die Wolken schießen, schnelle Segelschiffe bauen, über Kisten in den Himmel klettern, auf Pferderücken durch die Landschaft galoppieren oder krakelend durch den Urwald hüpfen, an Wänden weit nach oben kraxeln und auf Wackelbrettern über Asphalt wippen.

   
Das Wetter ist herrlich. Über uns schwebt fast greifbar und schwer eine zottelige, graublaue Wolkendecke. Sie scheint wohlwollend in einer Hängematte zu schaukeln. Entspannt gleitet sie über uns  hinweg und schirmt gut gegen allzu große Hitze. Unter weißen Dächern tummeln sich Familien. Kinderwagen tasten gemütlich durch die Menge. Knirpse wuseln auch ohne ihre Eltern ganz allein durch Menschendickicht, Neugierde treibt sie. Es gibt so viel zu entdecken. Verloren geht hier niemand.

Vier Blechbläser, BRASS4, schmettern gerade wieder eine lustige Sommermelodie. Man könnte sogar tanzen, oder schunkeln. Nebenan haben Erwachsene das große Kuchenzelt für sich erobert, sitzen schwatzend an den Tischen, beobachten das Geschehen und genießen einfach den Nachmittag. Heute abend findet das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft statt. Deutschland wird Weltmeister werden, zum vierten Mal. Noch weiß oder ahnt das hier niemand. So kann man dieses Straßenfest in aller Ruhe genießen.



Immer mehr Menschen schlendern heran, von allen Seiten des Stadtteils. Niemand schiebt oder drängelt, alle haben Zeit. Vier, fünf junge Leute von KIRCHE UNTERWEGS sorgen jetzt für gute Stimmung. Jeder solle seinen Namen rufen, man wolle hören. Das klappt. Kinder und auch Eltern tauen auf. Lautstark rufen sie Kuno herbei, ein kleines freches Vogeltier. Und das kommt tatsächlich angeflattert. Ja, und gemeinsam kann man nun sogar ein Liedchen singen. Zaghaft erst, dann wird es besser. Einfach Spitze, dass du da bist ..., und auch Das Hottepferd kommt gut an. Einige Erwachsene singen zaghaft mit.

Nebenan scheinen die Pfadfinder inzwischen Jagdbeute zu räuchern. Grauer Qualm wabert herüber, hängt zwischen Holzkegeln und Ententeich. Und weiter drüben hinter der großen Hüpfburg klettern Wissbegierige in das riesengroße Löschfahrzeug, dürfen einen schweren Helm aufsetzen, das Visier herunterklappen. Mama und Papa machen ein Foto.



Es ist das siebzehnte Kinderstraßenfest. Fast beschleicht uns Routine. Trotzdem greift jedesmal kurz vor Beginn das stille Lampenfieber zu. Blick zum Himmel, wie die Wolken ziehen. Haben Plakate und Karten in den Geschäften, Anzeigen in Zeitungen den Weg zu den Familien unseres Stadtteils gefunden? Werden die Löbtauer, Cottaer, Gorbitzer und Plauener kommen? Wird es ein schönes Fest werden?

Außerdem ist heute flinker Abbau nötig. Wir wollen Fußball schauen. Hüpfburg, Kran, Kletterturm, Kuchentheke, Zelte, Bänke, Spiele, mehr als zweitausend Holzbausteine, heiße Feuerschalen, Schirme, Dächer, Seile, Werkzeug – alles muss abgebaut, gestapelt, verpackt und abtransportiert werden. Die Straße soll abends wieder frei sein. Bis zum Anpfiff schaffen wir das.



Niemand hat es bemerkt, keiner darauf geachtet. Irgendwie ist es der flockigen Decke über uns zu schwer geworden. Hin und wieder fallen ihr einzelne Tropfen aus den Tüchern. Der Feierlaune, dem fröhlichen Treiben und dem gemütlichen Beieinander aber schaden diese lustigen Spritzer nichts. Nur die hellgelben roh geschnittenen Holzbausteine machen uns Sorgen. Ein Dach muss her, aber schnell. Flink greifen die zu, die in der Nähe stehen. Die kleinen Bauarbeiter lassen sich nicht stören. Sie stapeln unbeirrt weiter Stein auf Stein.

Der Nieselregen hat keine Macht, verdunstet irgendwie im Gewühl. Niemand flieht. Minuten später verebbt die sanfte Dusche schon wieder. Sonnenschein bricht durch das Grau und zaubert helles Funkeln auf die bunten Wimpel. Wir feiern weiter. Die DRESDNER KÖNIGSKINDER in ihren gelbgrünen Hemden verscheuchen flugs im Tanz jede letzte Regensorge für heute.



Ein Wort sei an dieser Stelle auch noch gestattet. Der Kuchen. Ja, der ist selbst gebacken von kundiger Hand und frisch aus dem Ofen. Menschen unserer Kirchgemeinde, Freunde und Verwandte mussten mit ran und tates es wirklich gern. Während wir hier oben feiern, schuften unten in der Küche des Gemeindezentrums fleißige Hände. Es solle uns gut gehen hier oben, sagen sie. Und irgendwo im Gedränge verborgen, sind eine Ärztin und ein Rettungsassistent in Bereitschaft, wenn Not tut.

Auch viele andere Helfer waren und sind damit beschäftigt, dass so ein Fest gelingt. Ein ehrenamtlicher Leiter und sein kleiner Planungskreis haben Wochen und Monate zuvor alles in die Wege geleitet. Aufgaben wurden verteilt, Anträge geschrieben, Finanzen hin- und hergerechnet, Ideen diskutiert, es wurde telefoniert und recherchiert. Das Wichtigste aber sind jetzt und hier die vielen freiwilligen Helfer, ältere und auch jüngere. Es macht allen viel Spaß, aber es kostet auch Kraft, nicht zuletzt einen freien Tag. Denn vor dem Fest und nach dem Fest, da gibt es fast noch mehr Arbeit zu bewältigen als an diesem Nachmittag. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön.



Eben gibt es Bewegung auf der eng gewordenen Meile. Am anderen Ende ist der fragile rote Turm zum zweiten oder dritten Mal an diesem Tag zu erstaunlicher Höhe empor gewachsen. Neben den Dächern umliegender Häuser balanciert ein Kind auf einer Kistensäule, einsdreißig, größer ist das Mädchen kaum. Die Kleine bleibt unbeeindruckt von dem Treiben hier unten. Sie stapelt sich selbst Kiste auf Kiste weiter nach oben.

Mühsam ist es geworden, Nachschub nach oben zu hieven. Die Stange ist zu kurz, das Schwanken kaum zu verhindern. Noch eine Kiste. Zweiundzwanzig. Wir geben auf. Sie aber da oben setzt einen drauf und klettert mit den Füßen hinauf auf die oberste Fläche – fünfunddreißig mal fünfundvierzig Zentimeter. Sie stellt sich auf, breitet die Arme weit aus. Da steht sie wie auf der Spitze einer Nadel – und stößt plötzlich absichtlich den Turm unter sich um.



Immer wieder hören wir die Frage, wie das Ganze eigentlich zu bezahlen sei. Die Preise seien günstig, vieles ohne einen Cent zu haben. Alle – auch Familien mit schmalem Geldbeutel – können dadurch mit feiern, ohne Bauchschmerzen zu haben. Niemand müsse traurig sein. Das sei wirklich schön, wäre heute kaum noch wo anders zu erleben. 

Ja, das liebe Geld. Es bereitet auch uns immer wieder Kopfschmerzen, während der Vorbereitung. Linderung erhalten wir zuerst aus Spenden unserer Gemeindemitglieder. Jede Woche wird gemeinsam ein wenig Geld beiseite gelegt, um über einen größeren Zeitraum die notwendige Summe zusammenzutragen. Oft verschwinden Kassenzettel auch stillschweigend bei dem einen oder anderen bereits vorab zu Hause im Papierkorb, um die Kinderfestkasse zu schonen. Außerdem können wir dankbar sein, dass unsere Stadt Dresden von Anfang an jedes Jahr aus ihrem Budget noch ein Sümmchen oben auf legt. Letztlich hilft jede Münze, jeder Schein, der während des Festes an der Kuchentheke, beim Schminken und Basteln gegeben wird. Und dann sind da auch noch die lustig bunten Spendendosen. Begeisterte Sponsoren mit üppigeren Ausstattungen wären sicher ein wertvoller und gut zu investierender Zugewinn.



Inzwischen ist die Zeit verstrichen, viel zu schnell. Immer noch gibt es zu entdecken. Der Kuchen schmeckt so wunderbar, ein weiteres Stück sollte man sich genehmigen. Es scheint heute wirklich niemand Eile zu kennen. Haben alle das bevorstehende Fußballspiel vergessen? Im Moment bleibt die Baustelle wichtiger, und Kegelköpfe sollen natürlich auch noch mal rollen. An den Bastelständen herrscht konzentrierte Fingerfertigkeit.

Ein letztes Mal schmettern Trompeten und Posaunen eine recht bekannte Melodie. Irgendwo bewegt sich tatsächlich jemand vorsichtig im humorvollen Rhythmus. Ein anderer sieht es, lächelt, nickt wohlwollend. Telefonnummern werden ausgetauscht, mancher müsse nun doch gehen. Herzlicher Abschied, eine Umarmung. Nächstes Jahr wäre sicher wieder ein Kinderstraßenfest. Klar, man sehe sich. Langsam wird der Platz wieder weiter.



Achtzehn Uhr. Übrige Brötchen werden feilgeboten, die Würstchen seien nun alle. Den Kuchen gibt es zum freiwilligen Spendenbetrag. Einer, der diese Nacht arbeiten müsse und Fußball deswegen nicht schauen könne, kauft den kompletten Rest. So freue er sich auf die Schicht. Die Küche hat inzwischen geschlossen, im Untergeschoss ist alles bereits aufgeräumt. Die Frauen haben knapp zehn Stunden gearbeitet.

Über uns dunkelt es bedrohlich. Die Gäste des Festes sind jetzt auf dem Heimweg. Emsig laufen die Mitarbeiter, stopfen und stapeln. Wir schaffen das bis zum Anpfiff, werfen sie sich zu. Eins der größeren Fahrzeuge will plötzlich nicht richtig, bockt. Der Turm muss demontiert werden. Das ist Knochenarbeit in luftiger Höhe. Die ersten Tropfen fallen, Wind folgt. Es beginnt zu schütten. Warten, ducken. Die Flucht unter schützendes Dach. Wenn das so weiter geht. Niemand spricht.



Endlich. Hand in Hand geht es jetzt. Die Hemden sind eh nass, kleben. Jeder weiß, was zu tun ist. Die Zeltstadt wird komplett aufgelöst, der Turm schrumpft Segment um Segment. Es dauert. Anpfiff in Rio de Janeiro. Nein, so war das nicht geplant. Schneller geht es nicht. Ruhe muss walten bei dieser Arbeit, um Unfälle und Schäden zu vermeiden. Nichts zu machen, wir können uns nicht verdrücken. Endlich bewegt sich das unwillige Gefährt wieder. Die anderen Transportfahrzeuge können heranrollen. Es ist Schufterei, die sechzig Kilogramm schweren und unhandlichen Bauteile per Hand auf die Ladefläche zu wuchten. Nebenher quält uns die Übertragung des Endspiels aus einem der Autoradios. Nur kein Tor schießen, noch nicht!

Die erste Fuhre kann auf die Reise gehen, die erste Halbzeit neigt sich dem Ende. Null zu Null. Aufgeben ist nicht. Es muss Null zu Null bleiben, vorerst. Wenigstens die zweite Halbzeit will gesehen werden. Schrammen und Kratzer an Händen und Beinen werden jetzt ignoriert. Es muss zu schaffen sein. Der Platz ist fast leer, alle Zeltdächer erst einmal klitschnass verstaut. Die letzten Turmteile warten noch auf den Transport.

Es geht weiter. Aufladen. Die Schar der Mitarbeiter ist übersichtlich geworden, es mangelt an kräftigen Kerlen. Wir Ungeübten prügeln uns mit den störrischen Halbschalen herum und stemmen uns gegen die unbarmherzige Zeit. Die zweite Spielhälfte läuft bereits, immer noch Null zu Null. Irgend jemand meint etwas müde, wir sollten am besten alles auf dem Anhänger lassen. Nein, sagt ein anderer, das wäre nicht wirklich in Ordnung. Vertrag sei Vertrag. Frust nein, stilles Leiden im Moment ja. Immer noch Null zu Null. Endlich zerren wir das letzte der insgesamt zwanzig sperrigen Teile in die vorgegebene Lagerniesche. Fertig und los.

Nicht weit kommen wir, rotes Licht. Eine Bahnschranke. Stopp. Zwei drei Minuten gedulden wir uns, hören nebenher den Reporter überaus engagiert seinen Redeschwall beschleunigen, immer lauter, schneller, sich fast überschlagend. Er senkt die Stimme, Enttäuschung. Wir sind erleichtert und schalten endlich die Motoren ab. Der Zug kommt, die Schranken bleiben unten. Wir müssen weitere Minuten warten. Null zu Null. Der Gegenzug kommt nicht. Null zu Null. Endlich, viel zu langsam fährt der Zug vorbei. Los. Ein Stück Spurt, wenige hundert Meter, Kreisverkehr. Ein Linienbus von links hat Vorfahrt. Keine Chance. Gezwungenermaßen brav zuckeln wir hinterher, gleiche Strecke – von Haltestelle zu Haltestelle. Warum das? Null zu Null! Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit.

Nur noch Weniges muss in die letzten zwei drei Autos verfrachtet werden. Endlich geht es nach Hause. Das Radio schweigt jetzt. Das Kinderstraßenfest war wichtiger, der Abbau unvermeidbar. Opfer müssen manchmal sein, echte Opfer tun auch irgendwie weh. Egal, es war ein wirklich schönes Fest, viele wunderbare Menschen, jede Menge fröhlicher Kinder. Was will man mehr. Die Mühe hat sich gelohnt. Wir haben den Tag genossen, Rio ist weit weg. Es ist in Ordnung.

...

Eine Dusche, sie ist dringend nötig, tut gut. Frische Sachen. Ein Glas Kühles zu trinken. Fernseher an. Fußball. Der Rückblick? Nein. Sie spielen tatsächlich. Sie spielen noch! Nachspielzeit! Das ist nicht möglich! Null zu Null. Die Sinne sind wieder hellwach. Null zu Null, Chaos direkt vor dem Tor, Mario Götze kommt von irgendwo links, im Fallen trifft er mit gestreckter Fußspitze den Ball, rechts Richtung langes Eck scheint ein schmaler freier Korridor – und Toooor!

...

Rio musste warten, zwei kampfentschlossene Mannschaften mussten hingehalten werden, die komplette fußballbegeisterte Welt – wir eingeschlossen – sich in Geduld üben. Es durfte kein Tor fallen, nicht zu zeitig! Es sollte zu dieser Verlängerung kommen.

Es war ein wirklich schöner Tag mit einem wunderbaren 17. Kinderstraßenfest hier in Dresden-Löbtau. Es gab keinen Unfall, keine nennenswerten Schäden am Material. Das Wetter fanden wir genial, ebenso die tolle Stimmung. Wir haben unsere Arbeit heute Abend noch geschafft. Gott, sei Dank! Jetzt ist Deutschland Fußballweltmeister, und wir durften das dazu notwendige und sehenswerte Tor miterleben – sogar in Echtzeit.

(Fotos | Text: LU)





Eine besonderer Dank für ihre Unterstützung gilt

  • BLECHBLÄSERQUARTETT BRASS4,
  • KIRCHE UNTERWEGS,
  • FEUERWEHR DRESDEN-GORBITZ,
  • ELCH ADVENTURE TOURS,
  • LEHMANN ZUGANGSTECHNIK,
  • VERKEHRSSICHERUNG BAS,
  • STADT DRESDEN,
  • ORDNUNGSAMT,
  • STADTJUGENDRING,

sowie allen privaten Spendern und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnnen und Mitarbeitern.