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15.07.09

Adventgemeinde in Dresden-Löbtau seit 1909

Redaktion Gemeinde Dresden-West

Anlässlich des Festjahres wurde eine kleine Broschüre herausgegeben, die in kurzer Form die Geschichte der Adventisten in Dresden-Löbtau beleuchtet. Textauszüge und einige Bilder geben einen ungefähren Einblick.


100 Jahre Adventisten in Dresden-Löbtau

Herbst 1909 – nasskalter Wind reißt die braungelben Blätter von den jungen Bäumen an den Straßenrändern. Bauarbeiter wuchten Bretter von einem Pferdewagen. Es ist nicht die einzige Baustelle in Löbtau, die noch vor Einbruch des Winters fertig werden soll.
Auch an den Gleisanlagen der Straßenbahn von der Kesseldorfer Straße aus nach Cotta wird noch emsig mit Hacken und Hebeln und einem mechanischen Kran gearbeitet. Schwere Brauereipferde ziehen die Schienen in die richtige Position. Tag für Tag rückt der neue Gleisstrang frisch verschraubt und mit Pflastersteinen eingebettet voran.
Löbtau hat sich zu einem modernen Stadtteil entwickelt, inzwischen wohnen hier etwa 45.000 Menschen in den typischen würfelförmigen Häusern. Von den einstigen Bauernhöfen, Weiden und Gärtnereien ist kaum noch etwas zu sehen.



An einem jener Herbsttage des Jahres 1909 stieg der adventistische Prediger Weymann aus dem Eisenbahnabteil und suchte sich ein Zimmer in Löbtau. Hier in diesem emporstrebenden Stadtgefüge wollte er eine neue Adventgemeinde gründen und begann, für einen biblischen Vortrag zu werben.

Der Drei-Kaiser-Hof bot nicht nur Quartier, sondern auch den Vortragsraum. Die Besucher kamen zahlreich an diesem Abend, neugierig, denn Kino und Theater waren teuer, der Fernseher war noch lange nicht erfunden. Nach dem Vortrag zeigten fünf Frauen weitergehendes Interesse. So besuchte sie Prediger Weimann und empfahl ihnen die noch junge Adventgemeinde in der damaligen Serrestraße in Dresden-Altstadt, nahe der Carolabrücke.


Im April 1910 wurden diese fünf Frauen – Auguste Neubert mit den beiden Töchtern Nanny (verh. Fritsche) und Selma, Frau Richter und Frau Neubauer – gemeinsam mit acht weiteren Menschen von dem Prediger Ultegard getauft. Noch im gleichen Jahr entschloss sich der Glaubensbruder Kertzscher, in Löbtau eine Gemeindegruppe zu gründen – mit insgesamt acht Gläubigen.
Die Versammlungen, wie die Gottesdienste damals genannt wurden, fanden  bis auf weiteres in einer Gaststätte eines Eckhauses auf der Reisewitzer Straße 35 statt.




1912
kam Bruder Langenberg als Prediger mit seiner Frau nach Löbtau, weitere Geschwister schlossen sich der kleinen Gruppe an. Gemeinsam organisierten sie eine Diakonie, richteten  die Sabbatschule – heute Bibelgespräch genannt – als gottesdienstlichen Teil ein und gründeten eine sogenannte Tabea-Gruppe.
Die Frauen der Gruppe nähten aus Nesselstoff Kleider für Frauen in Afrika, setzten große bunte Knöpfe auf. Außerdem wurden Missionsschriften im Stadtteil verkauft. Nach einiger Zeit war es dadurch möglich, von dem Erlös ein Harmonium zur instrumentalen Begleitung der Lieder im Gottesdienst zu erwerben.



Während der Zeit des Ersten Weltkrieges ab 1914 war Bruder Freund als Prediger in Löbtau tätig. In dieser Zeit mietete sich die Gemeinde erstmals auf der Poststraße ein.  Da für Stühle nicht genügend Geld vorhanden war, musste nun jedes Gemeindemitglied selbst für einen Stuhl sorgen.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Gemeindemitglieder sprunghaft auf über 90 an. Prediger in dieser Zeit waren die Brüder Großmann, Heinrich und Piwarz. Gemeindeleiter war Bruder Hertwig, der durch seine kraftvolle und optimistische Art die Gemeinde durch die schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahre führte.


1922 verlor die Gemeinde ihren Gemeinderaum in der Poststraße und versammelte sich in den folgenden Jahren an verschiedensten Orten: zuerst in den Räumen der Gemeinde Altstadt in der Bernhardtstraße, drei Jahre in den späteren Filmstudios in Gorbitz, zwei Jahre im Café Pfeiffer.



Erst im Jahr 1929, am 6. Juli, konnte die Gemeinde mit ihrem neuen Prediger Haufe wieder eigene Gemeinderäume beziehen, dieses Mal in der Hainsberger Straße 22.

Dieser Raum blieb der Gemeinde 16 Jahre lang erhalten bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1945. In dieser Zeit arbeiteten in Löbtau die Prediger Däumichen, Ballak, Wolf als Jugendprediger, Neef und Porsch. Gemeindeleiter waren die Glaubensbrüder Hertwig, Müller und Richter. Artur Fritsche war Jugendleiter.



Der Zweite Weltkrieg griff auch in das Leben der Gemeinde ein. Männer wurden zum Militärdienst einberufen, an die Front geschickt. Zurück blieben Frauen mit ihren Kindern, die die schwere Zeit allein meistern mussten. Schwester Schwalbe war eine von ihnen, eine kleine, schlanke Frau mit zwei Kindern. Ihr Mann wollte unter keinen Umständen eine Waffe in die Hand nehmen.


1945
. Der Krieg hatte auch in Löbtau tiefe Wunden gerissen. Das Kirchenschiff und der schlanke hoch aufragende Turm der Friedenskirche auf der Wernerstraße waren zerstört, das Rathaus direkt an der Weißeritz in Schutt und Asche gelegt, die imposante Kuppel der Eingangshalle des neuen Annenfriedhofs auf der Kesselsdorfer Straße war eingestürzt. Der berühmte Drei-Kaiser-Hof und verschiedene Betriebsgebäude entlang der Weißeritz völlig dem Erdboden gleich gemacht.

Da der wieder aufgebaute Gemeindessaal in der Hainsberger Straße bald zu klein wurde, versammelte sich die Gemeinde nach 1945 – inzwischen 126 Mitglieder – im Hebbelbad Cotta, dann im Volkshaus Cotta, in der Gaststätte Wallwitzburg auf der heutigen Clara-Zetkin-Straße und später im Gemeindesaal der Hoffnungskirche Plauen. Prediger war nach dem Krieg Bruder Krause.




1948 fand die Gemeinde nach langer Suche wieder eigene Räumlichkeiten – in einem Hinterhaus auf der Waldheimer Straße 17. Dieses Gebäude sollte der Gemeinde einige Jahrzehnte als Versammlungsstätte dienen.

In diesem Jahr gründeten von Löbtau aus 21 Geschwister unter Leitung von Bruder Spahn in Freital eine eigene kleine Ortsgemeinde.

Während dieser Zeit sind die Brüder  Voigt, Günther, Uhlig, Meyer und Wagner, M. Böttcher, H. Beier, L. Reiche, M. Herziger, P. Kortüm, E. Gutsche, W. Beier, R. Kopp, U. Röder und G. Wagner als Prediger in Löbtau zu nennen. Die Brüder A. Klaus, B. Martin und K.-H. Buruck dienten nacheinander über viele Jahre als Älteste der Gemeinde. Wichtig zu nennen ist auch Schwester Oettmeier, die sich besonders der Jugend und der Bibelschule angenommen hatte.




1958
gründeten die 14 Geschwister aus Wilsdruff mit Bruder Zimmermann in ihrem Ort eine eigene kleine Gemeinde. Die Gemeinde Löbtau zählte aber trotz der beiden Neugründungen zu ihrem 50-jährigen Bestehen im Jahr 1959 immer noch 100 Mitglieder.



Viele Erlebnisse wären aus den siebziger und achziger Jahren erwähnenswert: besondere Gottesdienste, 1978 schließt sich die Gemeinde Wilsdruff wieder an, Ausflüge zum Hutberg Kamenz (1970), in die Dippoldiswalder Heide (1973), den Tharandter Wald (1975), die Sächsische Schweiz und nach Potsdam (1985), zur Talsperre Kriebstein (1987) und die Böhmische Schweiz (1988), Gemeindenachmittage mit Kinderprogrammen und Adventfeiern.

Anlässlich des  75. Jahrestages der Gründung der Adventgemeinde in Löbtau wurde das kleine Gemeindegebäude auf der Hainsberger Straße im Jahr 1985 renoviert.





Der Altersdurchschnitt der Gemeinde war in dieser Zeit inzwischen deutlich gestiegen, die Zahl der Mitglieder dagegen auf 74 gesunken. 1991 wurde der Gottesdienstraum zudem aus statischen Gründen für eine maximale Belastung von 80 Personen baurechtlich begrenzt. Die frische Oberflächenrenovierung konnte die Folgen der schlechten Grundsubstanz des Gebäudes nicht aufhalten. So  musste die Gemeinde die Räume endgültig verlassen.

Der letzte Gottesdienst auf der Waldheimer Straße 17 fand am 23. Januar 1993 statt.



Der Gemeindesaal der Auferstehungskirche Plauen bot für die nächsten Jahre etwas Heimat. Trotz dieser Situation ließ die Gemeinde den Mut nicht sinken.

In diesen Jahren wurde der erste Waldgottesdienst gestaltet (ab 1992), das erste „Löbtauer Gemeindeblatt" herausgebracht (ab 1992), Familiengottesdienste in Dresden-Neustadt und Dippoldiswalde durchgeführt (ab 1993), Reisen in die Partnergemeinde Pardubice unternommen (ab 1993).
Für einen möglichen Neubau eines Gemeindezentrums wurde die Aktion „Steine für Dresden" ins Leben gerufen mit einem Spenden-Startkapital von 357 DM – so laut Finanzbericht (1994). Ein Jahr später war dann Grund zum Feiern: 85 Jahre Adventgemeinde Dresden-Löbtau (1995).


Es war auch 1995, als endlich ein Baugrundstück auf der Poststraße gefunden wurde und die Leitung der Siebenten-Tags-Adventisten die Bauzusage erteilte. Am 30. Juni 1997 erfolgte der erste Spatenstich für den Bau des neuen Gemeindezentrums in Dresden-Löbtau auf einem Grundstück der Poststraße 13.
Nach nur vier Monaten Bauzeit konnte am 30. Oktober 1997 Richtfest gefeiert werden. Damit wurde es möglich, im Winterhalbjahr den aufwändigen Innenausbau voranzutreiben.




Die Einweihung des neuen Gemeindezentrums wurde in Form einer Festwoche gestaltet. Vom 13. bis 20. Juni 1998 feierte die Gemeinde Dresden-West, weil nun wieder in eigenen Räumen Gemeindeleben möglich werden sollte.
Zwei Festgottesdienste, der erste Seniorentreff 60+, die Gründung einer Mutter-Kind-Gruppe, ein Taufgottesdienst und das erste Kinderstraßenfest auf der Schillingstraße gaben dieser Woche Gestalt. 
Langsam begann die Gemeinde, jetzt mit inzwischen wieder 106 Geschwistern, das Haus und die Möglichkeiten zu nutzen, es in Besitz zu nehmen.


1999
konnte zudem eine kleine gebrauchte Walcker-Orgel in Gumpertsheim erworben und im Gemeindezentrum aufgebaut werden. Seitdem steht sie für den Dienst in unseren Gottesdiensten zur Verfügung. Ein Traum von E. Güttler ging damit in Erfüllung.



Im Jahr 1999 begann auch das Mietverhältnis mit der Gastgemeinde Apostelamt Jesu Christi. Deshalb gehören die Geschwister dieser Kirchgemeinde selbstverständlich in unser Gemeindezentrum.
Der Löbtauer Abend als offenes Seminarangebot nahm in diesem Jahr seinen Anfang und für die Gottesdienste wurde der Kindergottesdienst nun in drei verschiedenen Gruppen organisiert: von ein bis vier Jahren hatte die Gemeinde neun Kinder, von fünf bis neun Jahren sieben Kinder und ab zehn Jahren gehörten elf Kinder zur Gruppe.

Waldgottesdienste, Gemeindeausflüge, Wanderungen, Beisammensein nach dem Gottesdienst zum Essen, gemeinsame Sabbatnachmittage und -abende in einer der Familien zu Hause, musikalische Gottesdienste, der Seniorenkreis mit monatlichen Treffen, Erntedankgottesdienste, Chor und Instrumentalgruppen, Nacht der Kirchen, Adventfeiern und Heiligabendvespern, Löbtauer Abend, ein jährlicher Frühjahrsputz im Gemeindezentrum und das jährliche Kinderstraßenfest sorgen seitdem für ein abwechslungsreiches, buntes, kreatives und segensreiches Gemeindeleben.

Mit unserem Pastor G. Wagner führten seit 1995 E. Mucke und J. Pistorius die Gemeinde; später mit unserem Pastor M. Götz die Gemeindeleiter E. Mucke und M. Arnold und seit 2009 J. Pistorius und D. Wagner.  


Frühsommer 2009 – dichter Autoverkehr schiebt sich durch die Kesselsdorfer Straße. Moderne schlanke gelbe Straßenbahneinheiten ziehen kraftvoll und problemlos die lange Steigung Richtung Wölfnitz, Gorbitz und Pennrich hinauf. Die Bauschäden aus den Kriegstagen und der Verwahrlosung aus DDR-Zeiten sind fast alle beseitigt. Und es wird immer noch und immer wieder gebaut. Löbtau ist grüner geworden, Löbtau ist modern geblieben, und Menschen ziehen inzwischen wieder gern in diesen Stadtteil – vorallem Familien.



Übersicht der von der Adventgemeinde
in Dresden-Löbtau genutzten Räumlichkeiten

  • 1909
    öffentliche Vorträge in Löbtau im Drei-Kaiser-Hof

  • 25. April 1910
    Gründung einer Adventgemeinde in Löbtau, Reisewitzer Straße 35

  • 1913 - 1922
    Gemeinde in Räumen auf der Poststraße/Ecke Bünauplatz

  • ab 1922
    zu Gast in der Adventgemeinde auf der Bernhardtstraße 2

  • 1924 - 1928
    Gemeinde in den Räumen der späteren Filmstudios in Gorbitz
    und im Café Pfeiffer auf der Kesselsdorfer Straße

  • 1929 - 1945
    eigene Räume auf der Hainsberger Straße 22

  • ab 1945
    Umzug der Gemeinde in Räume im Hebbelbad, ins Volkshaus Cotta 
    und in die Gaststätte Wallwitzburg, Clara-Zetkin-Straße

  • ab 1948
    Gemeinde in den notdürftig reparierten Räumen Hainsberger Straße 22

  • ab 1949
    Bezug des Hinterhauses auf der Waldheimer Straße 17

  • 1969
    Befreiung von der Meldepflicht aller Gottesdienste gegenüber dem Staat

  • 1985
    Renovierung der Gemeinderäume auf der Waldheimer Straße 17

  • 23. Januar 1993
    letzter Gottesdienst in den Räumen der Waldheimer Straße 17

  • ab 1993
    im Gemeinderaum der Auferstehungskirche Plauen

  • 30. Juni 1997
    erster Spatenstich für den Bau des neuen Gemeindezentrums
    Poststraße 13

  • 13. Juni 1998
    Einweihung des neuen Gemeindezentrums




Die Chronik „100 Jahre Adventisten in Dresden-Löbtau" liegt im Format 21 x 21 cm vor, umfasst 36 Seiten und ist für Interessenten im Gemeindezentrum Dresden-West immer samstags vormittag nach dem Gottesdienst erhältlich.

Spenden helfen uns bei der Refinanzierung der Herstellungskosten.

(Fotos: Privat | Archiv Adventgemeinde Dresden-West)