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01.01.10

unser Stadtteil heute

Redaktion Gemeinde Dresden-West

Eine kleine Reminiszenz an Löbtau, dem Stadtteil Dresdens mit seinen etwa 15.000 Einwohnern, in dem wir als Adventgemeinde seit 1909 zu Hause sind.


Schön ist Löbtau nicht. Das kann man guten Gewissens sagen, ohne jemanden wirklich weh zu tun. Es beschwert sich niemand darüber, es wird auch niemand ernsthaft dementieren. Löbtau – im Westen Dresdens gelegen – wird meineswissens  in keinem Reiseführer näher beschrieben.
Es gibt in Löbtau keine nennenswerten Sehenswürdigkeiten, wegen derer man von weit her anreist – keine bedeutenden Gebäude, keine Museen, keine Theater, keinen Turm, den man besteigen könnte. Es gibt hier auch keine wirklich zugkräftigen Einkaufstempel, sondern die spürbare, tagtägliche Sorge um den Fortbestand der kleinen Blumen-, Pizza-, Textil- oder Bäckereigeschäfte.
In Löbtau vermisst man nicht einmal emsig fotografierende Touristengruppen. Sie kommen nicht, weil sie gar nicht wissen, dass Löbtau eine Geschichte vor gierigen Muss-ich-gesehen-haben-Augen zu verbergen weiß. In Löbtau fotografiert man eigentlich überhaupt nicht.
Über die kleine Weißeritz, die still und silbrig glitzernd durch das tiefe Sandsteinquaderbett schlängelt, verirrt sich kein Reisebus und auch kein Straßenkünstler. Letzterer könnte vielleicht für etwas Ruhe im Getriebe sorgen, aber hier würde auch ihn niemand vermuten. Er wäre schlicht fehl am Platz.







Löbtau, das ist die stressige Durchfahrt Kesselsdorfer Straße. Löbtau, das ist der Stadtteil, der nach wie vor fast außerhalb Dresdens zu liegen scheint, wo der Ortsunkundige erleichtert Gas gibt, wenn sich die Verkehrsenge nach oben hin weitet, weil er nun die Autobahn in der Nähe weiß. Löbtau? – da rümpft selbst mancher Dresdner zurückhaltend die Nase: Kann man in Löbtau gut leben?





Aber dieser Stadtteil zwischen Ufer der Weißeritz und den Neubaublocks von Gorbitz hat Geschichte. Und er hat Charakter. Er hat sich durchgebissen. Wer ihn kennt, wie er bis vor eineinhalb Jahrzehnten fast im eigenen Hinterhofunrat versunken wäre, der staunt nicht schlecht.

Erreicht man von der Kesselsdorfer Straße aus das rettende Ufer und traut sich in die zweite und dritte Nebenstraße rechts und links, dem fallen zuerst die wunderschön restaurierten Würfelhäuser auf. Und sie stehen keinesfalls kahl da, wie Blöcke in einem Steinbruch. Nein, Grün quillt zwischen ihnen hervor, üppig, beschattet die Höfe, Balkone und Straßen. Die Fassaden zieren hier und da kunstvolle Friese – Jugendstil. Turmzimmerchen mit verspielten Dachhauben recken sich immer wieder weit über die Firste einzelner Karees. Das ist Löbtau.









Hat man sich nach einiger Zeit sattgesehen, so findet man ohne Schwierigkeiten mitten in diesem quadratisch angeordneten Häusermeer große parkähnliche Freiflächen. Am Ufer der Weißeritz, am Bonhoefferplatz, dem Conertplatz oder in Altlöbtau hinter der Friedenskirche.



Die Richtung zum alten Dorfkern ist leicht zu finden, weil das ehemals schlanke hochaufragende Turmdach der Kirche dem 2. Weltkrieg zum Opfer fiel. Das Notdach weit oben auf dem schmutzigen Sandsteinturm sieht einer Gartenlaube ähnlich. So gehört es zu Löbtau heute – vielleicht ist das eine wirkliche Sehenswürdigkeit.



Am alten Dorfkern hinter der Kirche stehen heute noch – gut unter Bäumen versteckt und liebevoll restauriert – die letzten Dreiseitenhöfe aus der Zeit, als in Löbtau Kühe über die Straße getrieben wurden. Hier kann man Luft holen, Pause machen. Hier können die Kinder über die Abenteuerklettergerüste turnen.

Sucht man auf der anderen Seite der Kesselsdorfer Straße etwas Stille, so betritt man am besten durch die Säulenhalle den Annenfriedhof. Das weitläufige Gelände birgt manche interessante Geschichte, kaum jemand weiß es. Aber die Grabtafeln verraten eine Menge.





Doch Löbtau hat noch mehr zu bieten: kleine Lokale, die noch nicht durch Massentourismus verwöhnt sind und Gäste wie am Fließband durchwinken. Löbtau kennt Gaumenfreuden zum fairen Preis. Überhaupt gibt es eine Menge engagierter Menschen, die Freude daran haben, hier zu leben, Geschäfte zu eröffnen, sich zu engagieren. Und diese Menschen – seit Jahren auch immer mehr junge Leute, Familien – müssen ja einen Grund haben, hierher zu kommen und zu bleiben.

Vielleicht ist das der Charme Löbtaus, dass man ihn erst auf den zweiten oder dritten Blick für sich entdecken wird – trotz Stadtrandlage und Kesselsdorfer Straße. Und letztlich sind es ja doch die Menschen, die das Leben in einer Stadt gestalten, lebenswert werden lassen. Es sind vor allem die Menschen – hier in Löbtau.

(Text | Fotos: LU)