Bericht mit Bildern

Dienstag | 23.09.08

Waisenhausprojekt in Simbabwe

Gemeinde Dresden-West

Am 15. Oktober wird Siegfried Kießlich aus unserer Gemeinde wieder nach Simbabwe reisen. Er stellt dort einem Waisenhaus seine Arbeitskraft zur Verfügung.


Ein Hühnerei kostet eine Million Dollar – Simbabwe-Dollar. Umgerechnet ist das etwa ein Euro, heute. Brot gab es das letzte Mal vor eineinhalb Monaten zu kaufen. Wann es wieder Brot in der Stadt zu kaufen gibt, bleibt ungewiss.

Nachdem wir Siegfried Kießlich und seine Frau in ihrer kleinen Wohnung besucht hatten, setzte ich mich ans Internet und wollte weitere Details über Simbabwe im Süden Afrikas wissen. Meine Schulbildung wies deutliche Lücken auf. Nicht einmal an den Namen der Hauptstadt dieses trockenen Steppenlandes zwischen Botswana, Sambia und Südafrika konnte ich mich erinnern – Harare, eineinhalb Millionen Einwohner.



Simbabwe selbst – etwas größer als die Bundesrepublik – hat nur etwa 13 Millionen Einwohner. Es ist ein reines Binnenland, hat keinen Zugang zum Meer. Das Land ist karg. Das dichte Gras ist die meiste Zeit des Jahres gelbbraun, oft fast zwei Meter hoch und staubtrocken. Nur Affenbrotbäume und Akazien halten diese Dürrezone scheinbar schadlos aus.
Die nördliche Grenze des Landes markiert der Sambesi – berühmt durch seine beeindruckenden Wasserfälle. Der höchste Berg des Landes, der Inyangani, erhebt sich mit 2.592 Metern über das sonst schmucklose Land.


Siegfried Kießlich wird voraussichtlich am 15. Oktober dieses Jahres wieder nach Simbabwe fliegen. „Ich tue das nicht wirklich gern, es ist nicht schön!“ so sagt er nachdenklich und wirkt dabei fast ein wenig müde. Wir kennen ihn sonst enthusiastischer. „Es ist wichtig, dorthin zu gehen. Es ist richtig, aber es ist nicht schön!“



Nun ist meine Neugier geweckt. Hilfseinsätze haben doch nicht selten einen Hauch von Abenteuer, von dem motivierenden Gefühl, etwas tun zu können, etwas zu bewegen. Das beflügelt Helfer doch in ihrem Einsatz. Das ist doch das, was als kleiner Bonus jede Reise entschädigt. Doch Siegfried Kießlich schüttelt den Kopf. „Ich fühle mich verpflichtet. Die Kinder im Waisenhaus sind mir ans Herz gewachsen. Aber ich weiß, dass sich die Lage vor Ort weiter verschlimmern wird.“





In der Schule habe ich Mathematik gemocht. Heute weiß ich, wie Prozentrechnung funktioniert. Ich kann zwei und zwei zusammenzählen und kann mit Begriffen wie Preissteigerung und Inflationsrate etwas anfangen.
Mich nerven die jährlichen Meldungen von Energie- und Benzinpreiserhöhung und Preissteigerung bei Lebensmitteln vielleicht auch deshalb punktuell immer wieder. Wo soll das hinführen mit den ins Geld gehenden Prozenten – Null Komma fünf, zwei, fünf, fünfzehn Punkte. Wir bejammern zu Recht diese so genannte Preisspirale.

Im April 2008, so lese ich und verschlucke mich fast, betrug in Simbabwe die Inflationsrate sagenhafte 150.000 Prozent.
Das ist kein Schreibfehler, der mir eben passiert ist. Der Punkt ist ein Punkt, kein Komma. Einhundertfünfzigtausend Prozent. Meine Augen, nein mein Verstand hat Mühe, das Gelesene zu konkretisieren.

Doch diese Spirale wirbelte schamlos weiter wie ein böser Hurrikan – 2,2 Millionen Prozent im Juni 2008. Die Regierung um Robert Mugabe reagierte mehr schlecht als recht, strich die letzten zehn Nullen bei der Landeswährung, versuchte mit Waffengewalt eine Preissenkung bei sämtlichen Gewerken und Händlern zu erzwingen und druckte Ende Juli 2008 trotz allem die erste 100 Milliarden-Dollar-Note. Mir dreht es, während ich lese.

Das sind zwar alles nur Zahlen, aber damit ist das Land völlig vom Welthandel abgeschnitten. Es sind nur Zahlen, aber da geht nichts mehr, weil am nächsten Tag das heute verdiente Geld keinen Pfifferling mehr wert ist.
Mein Taschenrechner macht die Rechenoperationen nicht mehr mit. 11,2 Millionen Prozent beträgt die Inflationsrate im Moment, und sie beschleunigt weiter. Das ist eine Preissteigerung von derzeit 40 % von einem Tag zum nächsten – ein Ei heute ein Euro, morgen ein Euro vierzig, übermorgen zwei Euro, in einer Woche den zehnfachen Preis von heute: zehneinhalb Euro für ein einziges Hühnerei, das in der Hitze Simbabwes inzwischen längst verdorben wäre.



Die einzig nutzbare Chance zu überleben ist Diebstahl. Arbeiten macht keinen Sinn. Der Lohn ist morgen wertlos. Was nicht festgeschraubt und angekettet ist, stiehlt ein anderer – ein Fremder, ein Nachbar, ein Freund, … egal was – Geräte, Material, Nahrung, Wasser, Saatgut, Ernteerträge, das letzte Huhn… um zu überleben.
Nur der Inhalt der Stahl-Container von Hilfslieferungen sind mit Felsbrocken und Schlössern vor fremdem Zugriff ganz gut geschützt. Und Wasserhähne können mit einbetonierten Stahlhaken vorübergehend gesichert werden.


Wie dumm waren manche meiner Gedanken über die Menschen in solch armen Ländern. „Warum arbeiten sie nicht? Warum wird nichts? Sie müssten…, sie könnten doch…, wenn sie nur…!“
Mich beschleicht das ungute Gefühl der Überheblichkeit, und dass meine überspreizten Sorgen wegen wiederholter Preissteigerungen hierzulande nicht nur unangemessen zu bewerten sind. Simbabwe hat mit zehn Prozent die wenigsten Analphabeten auf dem afrikanischen Kontinent. Meine Vorstellung von Afrika wird endlich einmal zurecht gerückt.

Ich lasse mir erzählen, während wir Fotos durchschauen, von der Arbeit in einem Waisenhaus, einer kleinen Landklinik und einer Säuglingsstation. Siegfried Kießlich reist nicht das erst Mal dorthin, um den Menschen ein wenig Hoffnung zu geben durch seine Anteilnahme, sein Mithelfen bei Bau- und Reparaturarbeiten an den Häusern, sein Engagement.

Das ist es, weshalb er sich verpflichtet fühlt. Denn ein Tag ist auch für ihn vor Ort lang. Früh um sechs beginnt die Arbeit, abends um sechs gibt es noch kein Abendbrot. Das Mittagessen ist eine dünne Brühe, dazu ein Stück Brot von der Größe einer Kinderfaust. Nur samstags gibt es etwas besonderes: eine kleine Schüssel gekochten Reis für jeden – auch für ihn.

„Ich habe mir einmal etwas Müsli erbettelt, beim Leiter der Station“ erzählt er. Die harte Arbeit macht hungrig. Der Körper ist die Entbehrung, die unsägliche Hitze, das schlechte Wasser über mehrere Wochen einfach nicht gewohnt. „Und ich erhielt einen Tag später dann doch eine Hand voll Müsli – seine eigene Notration für alle Fälle. Ich kann mit dem Flugzeug ja keine größere Mengen Essen mitnehmen für so lange Zeit.“





Kranken- und Säuglingsstation tun gute und wichtige Dienste. Geduldig warten Menschen, von weit her zu Fuß gekommen, vor dem Gebäude. „Vieles kann ich mir gar nicht ansehen. Arzt und Helferinnen leisten mit viel zu wenigen Mitteln Großartiges. Einmal wurde eine gut aussehende, schwerkranke Dame mittleren Alters aus einem zwanzig Kilometer entfernten Ort gebracht – in einer ausgepolsterten Schubkarre quer durch die heiße Savanne.“

Die Lebenserwartung in Simbabwe ist in den letzten zwanzig Jahren von 55 auf 35 Jahre gesunken. Aids spielt dabei keine unwesentliche Rolle. 25 bis 35 Prozent der Bevölkerung Simbabwes ist HIV-positiv.
Einmal wöchentlich wird in der Krankenstation auch eine Aidsberatung angeboten.





„Nein, die Arbeit dort ist wichtig für die Menschen! Es gibt sonst nichts mehr im Land, auf das die Menschen hoffen könnten."
Viele versuchen zu fliehen in die umliegenden Länder, am liebsten nach Südafrika. Doch diejenigen, die zurückbleiben, brauchen etwas, an das sie ihre Hoffnung klammern können.

„Deshalb werde ich in Kürze wieder nach Simbabwe gehen.“ sagt entschlossen der Mann, der so oft schon alles Ersparte in diese Art Projekte gesteckt hat.
Und ich beginne zu verstehen, was Siegfried Kießlich aus seiner schönen kleinen Wohnung in Dresden treibt, warum er seine bangende Frau immer wieder schweren Herzens zurücklässt in der Heimat, warum er um Mithilfe bittet ohne viele Worte und ohne aufwändig erstellte Präsentationen.

Er findet immer wieder Menschen, die ihn unterstützen, die spenden und die dieses kleine Projekt in Gedanken begleiten. Und er hofft, dass er auch für diese neue Reise nach Simbabwe Menschen gewinnen kann, die sich hinter ihn stellen und diese Idee finanziell mittragen. „Es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein."  Aber, es ist auf keinen Fall zwecklos.

(Text: LU | Fotos: SK)