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Samstag | 25.01.14

„Christentum und Rechtsextremismus"

Gemeinde Dresden-West

Der Themennachmittag mit Dr. Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, war gut besucht und eröffnete eine dringend notwendige Diskussion.


Interviews, Nachrichten, Zahlen, Vergleiche – es sind keine Beweise, die deutlich werden lassen, dass rechtsextremistisches Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft, in die Gutbürgerlichkeit einsickert, versetzt mit deren Werten, um Fuß zu fassen in den Köpfen von „anständigen" Bürgerinnen und Bürgern.



Die Angst vor Verlust des Erworbenem, von hart Erarbeitetem; die Sorge vor möglicher Verschiebung vertrauter, nach unserem Verständnis geordneter  Strukturen; eine  Inselexistenz, die ihre schalen Befürchtungen fast ausschließlich aus den Medien und vom Hören-Sagen an der Werkbank, im Treppenhaus und am Gartenzaun befüttert; schwebt nachweisbar in der latenten Gefahr, in dieser Engsicht die Welt in Gut und Böse einzuteilen – das heimatliche Refugium als in Ordnung, das fremde Hinzukommende als zumindest risikobehaftet zu definieren. Vereinzelte Nachrichtenfetzen fördern die Wucherung zäh klebriger Pauschalurteile.



Auch werden zunehmend Besitz- und Landansprüche hörbar. Vergessen scheint die Erinnerung daran, dass gerade wir Ostdeutschen jahrzehntelang eine Hoffnung auf Freiheit und Wohlstand durch Öffnung der bestehenden Grenze wachgehalten haben – „Sozialflucht" als Massenphänomen in den Herzen hier lebender Menschen. Dann kam 1989, ersehnt und bereitwillig genutzt für die ganz private, auch materielle Lebensbereicherung. Politische Gründe waren es kaum – und sind es nicht, wenn heute Deutsche ins Ausland ziehen, weil jenseits lukrativere Ausbildungs- und Arbeitsplätze locken, höhere Einkünfte vor allem, existentieller Mehrwert für eine gesichertere persönliche Zukunft.



In seinem Vortrag bot Dr. Lamprecht eine Vielzahl nachvollziehbarer Anhaltspunkte für eine differenzierte Sicht auf eine Entwicklung, die bedrückend fortschreitet. Verschüttet scheint, dass mitten in Deutschland Menschen aus anderen Ländern, Kulturen auch in jüngster Vergangenheit Opfer brutaler Gewalt geworden sind – grundlos sogar ermordet, von Deutschen. Wirklich nur traurige „Einzelfälle"? Welche Rolle sollen oder müssen Christen spielen, welche grundsätzliche Haltung ist angemessen, wäre gar dringend erforderlich?

„Wenn ein Fremdling wohnt in eurem Land, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen ..."  3. Mose 19, 33

Die Erinnerung an diesen bedingungslosen Bibeltext stellt eine deutliche und schwer zu ignorierende Antithese dar. Die auffällige Konzentration brauner Farbe in Sachsen und anderswo auf der uns präsentierten Deutschlandkarte müsste angesichts dieser Forderung nicht nur gläubige Menschen schockieren. Stattdessen lassen Indizien leider in unserem Alltagsgerede, auch dem von uns Christen, an manchen Stellen eine gefährliche, sicher oft unbewusste Farbtrübung Richtung Rechts erkennen.



Das Thema ließ aufhorchen. Die engagierten Diskussionsrunden und anschließenden  Fragen und Beiträge machten deutlich, dass die Grenzen bedenklich fließend sind, schwer durchschaubar – und die Entwicklung in unserem Land, in unseren bequem eingerichteten Wohnstuben unmerklich voranzuschreiten scheint. Zumindest hegen wir hier und da stille Sympathie mit mancher propagierten Engsicht, auch mit politischer Zurückhaltung. Vergleiche zu den Jahren vor 1933 blieben nicht unerwähnt.



Ein vorläufiges Fazit: Wir sollten zuerst unser eigenes Denken kritisch beleuchten: das, was unser Weltverständnis beeinflusst, was uns treibt, woher wir unsere Informationen beziehen, mit welchen Kriterien wir sie bewerten und in welche Richtung wir dieses Konglomerat für uns selbst ordnen und verstehen. Und wir brauchen – besonders als Christen vor dem Hintergrund biblischer Impulse – einen offenen Diskurs. Wir brauchen den Mut zu Toleranz und Courage, die Bereitschaft uns zu öffnen für Fremdes und einzumischen auch in die politischen Erfordernisse unserer Zeit – zugunsten jedes Menschen, der in dieser Stadt, in unserem Land lebt, gleich welcher Hautfarbe, Sprache und Herkunft.



Wir danken Dr. Lamprecht für die wertvollen und notwendigen Denkanstöße.

PS: Ein Kurzfilm zum Thema Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit ist auf youtube gelistet >>


(Fotos und Kommentar: LU)