Bericht mit Bildern

Freitag | 23.03.12

„Unter deiner Flügel Schatten" Themenabend zu Jochen Klepper

Gemeinde Dresden-Adventhaus

Kleiderständer, Mantel, Hut, ein Tisch, Lampe und Schreibmaschine. Dieser Themenabend war dem Schriftsteller und Liederdichter Jochen Klepper gewidmet. Gäste des Abends: Dr. Benno Fabricius und Ensemble.




Es sollte eine intensive, berührende Zeit werden – dieser Abend anlässlich des 109. Geburtstages des bekannten Kirchenliederdichters. Unter dem steigenden Druck des Naziregimes war es Jochen Klepper 1942 gelungen, für eine der beiden Töchter eine erfolgreiche Flucht ins Ausland einzufädeln. Kurze Zeit später wurde das Netzwerk aber enttarnt. Er, seine jüdische Ehefrau und die verbliebene Tochter wählten daraufhin gemeinsam den Freitod.

Lieder und Tagebuchaufzeichnungen Kleppers, ergänzt durch verschiedene Zeugnisse der unaufhaltsam pervertierenden Zeitereignisse, machten die offenbare Unausweichlichkeit dieses bitter verlaufenden Familienschicksals deutlich. Die quälende und letztlich scheinbar unbeantwortete Schlüsselfrage Kleppers lautete: Wann greift Gott endlich ein?



Sich einer so dramatischen Lebensgeschichte zuzuwenden, erfordert ein äußerst hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Respekt. Beides war an diesem Abend hautnah zu spüren. Der erfahrene Liedermacher Dr. Benno Fabricius aus Leipzig hatte sich ein Jahr lang Zeit genommen, sich dieser tragischen Geschichte der Familie Klepper zu nähern.

Herausgekommen ist ein eindrucksvolles, text-musikalisches Programm, mit dem es gelang, sehr sensibel die Zuschauer in eine nachdenklich hörende, fast bedrückende Nähe zu führen.



Bewusst gesetzte Textlesungen, wertfrei rezitiert bar jeglicher dramatisierender Rhetorik, dazu sachlich präsentierte Fotodokumente, bildeten den Schwerpunkt des Programms. Die scheinbare Nüchternheit der Darstellung von biografischen Details Jochen Kleppers – Kindheit, Verhältnis zu seinem Vater, Jugend, Familie, letztlich sich immer weiter verdichtende Repressalien durch Arbeitgeber und vor allem Behörden – und zeitnahen gesellschaftspolitischen Ereignissen spiegelte von der ersten Minute an die grenzenlose Brutalität des heraufziehenden Unheils, zeigte Kleppers weitreichende Ahnungslosigkeit und die fast zwangsläufig spät folgende Ohnmacht.

Die gewählten Liedtexte, neu vertont und arrangiert, waren nicht Musik für den akustischen Genuss, sondern bewusst geformte Aussage, punktgenau akzentuiert, melodisch unvorhersehbar, irritierend, tastend, zerbrechlich, zerfallend, ausschließlich dem Inhalt verpflichtet – weder einem gängigen Rhythmus noch gewohnt sympathischen Harmonien folgend. Durchaus bekannte Texte wurden dadurch fremd, nahmen verletzliche Gestalt an, zeigten die seelische Zerrissenheit genauso wie sich selbst aufgebendes Vertrauen. Sie kamen jedoch gerade deshalb so greifbar nah.

Die Kunst, das kaum formulierbare Wort den Unbeteiligten, den Unberührten, den Unbetroffenen zu öffnen, gelang in einzigartiger Weise und gewann im Saal konzentrierte, sinnstarke Aufmerksamkeit – nicht zuletzt durch die Qualität stimmlicher Souveränität des erfahrenen Komponisten, Arrangeneurs und Gesangsinterpreten.



Jochen Klepper und seine Familie, schicksalhaft zum Opfer geworden in der Hybris einer völlig in ihren Werten fehlorientierten Gesellschaft des Dritten Reiches. Es ist eine wahllos herausgegriffene Geschichte – beispielhaft für Millionen anderer ähnlicher, durch Fremdenhass und in stiller Duldung dessen zerriebener Lebensgeschichten damals wie heute. Dr. Benno Fabricius und seinem Ensemble mit Carsten Bauers (Moderation, Gitarre), Holger Appelt (Klavier, Gesang), Jonathan B. Fabricius (Violine) und Daniel Sommerfeld (Technik) ist gelungen, einprägsam zu erinnern, eindrücklich zu mahnen. Besten Dank für diesen wertvollen Abend.



(Fotos | Text: LU)