Bericht mit Bildern

Samstag | 08.05.10

Stadtgottesdienst mit Jugendaufnahme

Adventgemeinden in Dresden und Radeberg

Dieser besondere Gottesdienst war der Aufnahme Jugendlicher in die Adventjugend gewidmet. Die Jugendgruppe hatte dafür wieder viele kreative Ideen entwickelt.

 
„Klappe auf – könnte klappen" Immer noch drängen Gottesdienstbesucher in den Saal, suchen nach möglichen freien Sitzplätzen. Ich selbst habe es gut erwischt, sitze seitlich mit bestem Blick zum Ort des Geschehens. Sehe gespannte Gesichter, voller Erwartung. Vorn an einer Leinwand das Motto dieses Gottesdienstes: „Klappe auf  – ..." Daneben ein Cartoon mit drei hamsterähnlichen Tieren, Fernglas, Hörrohr und Tröte. Das Motiv ist mir bekannt, mit Affen. Der Cartoonstil macht es leichter, verspielter, dynamischer.



Neben Kreuz und Orgel befinden sich heute drei nebeneinander stehende, lindgrün beklebte Rateboxen, kein hölzernes Sprecherpult. Der Anblick erinnert mich ein wenig an eine Quizshow.



Ein Instrumental der kleinen Band gibt endlich den Startschuss für diesen von der Jugend gestalteten Gottesdienst. Zwei Jungs treffen sich auf der Bühne, Marcus und Lukas, spielen einen Sketch. Der eine der beiden ist großer Fan des Bahnreisens. In der Mensa hatten Mitstudenten Unzulänglichkeiten, Verspätungen, Zugausfälle zum Besten gegeben, alles mies geredet, ausgeschlachtet – er hatte aber keinen Mut, die Klappe aufzumachen, zuzugeben, dass er diese Art des Reisens unheimlich mag. Im jetzigen Gespräch entwickeln nun die beiden Freunde mögliche Strategien, um ein nächstes Mal besser in solch einer Situation gewappnet zu sein …



Eine Präsentation entführt mich in andere Richtung. Bis jetzt muss ich die Klappe halten …



Laura und Carsten erklimmen die Bühne – sie mit leuchtend violettem Haar, schwarzem Mini und strahlendem Lächeln. Er blond, mit gelb getönter Brille, Hemd und Hose weiß, darüber ein schmales schwarzes Jäckchen. Alles ein wenig schräg, flippig. Sie begrüßen uns zu diesem Gottesdienst, laden ein, mitzusingen. Ein klein wenig bin ich irritiert von dieser Form, der gewollten Komik.
Jetzt kann ich aber nicht weiter darüber nachdenken. Klappe aufmachen ist jetzt angesagt. Wir sind eingeladen, gemeinsam ein erstes Lied zu singen.

 
Die Band setzt ein, bricht zaghaft ab … die Jugendlichen, die vor der Orgel dicht gedrängt eine Art Chor bilden, werden unruhig. Ein zweiter Versuch, Einsatz, einige Gitarrenakkorde, wieder bleibt es stecken. Die jungen Leute reagieren verhalten amüsiert, verunsichert. Sophie versucht zu retten, Ihr Blick bittet um Nachsicht, dann ein aufmunternd nettes: „Jetzt geht`s los!" – zur Band, zu uns. Es stolpert noch etwas, nach der ersten Strophe finden wir das rhythmische Miteinander. Die Spannung löst sich, vielleicht auch durch diese kleine Panne. Es macht den Gottesdienst lebendiger, es ist keine Show wie es schien. Es ist alles echt, und echt gemeint.





Zwei drei Lobpreislieder singen wir. Dann betet Madeleine, einfühlsam. Stille im Saal.

Nach dem Amen setzt die Band neu ein. Sophie singt: „Your Story", solo. Das Lied berührt, den Text können wir in deutscher Übersetzung mitlesen. Auch daran ist gedacht.
Die letzten Töne sind kaum verklungen, stöckeln und stelzen – anders kann man es kaum bezeichnen – Laura und Carsten wieder auf die Bühne und bitten die Mädchen zu sich, die heute in die Adventjugend aufgenommen werden sollen: Melissa, Marie-Luise, Nora.
Drei hübsche junge Frauchen erheben sich zaghaft, schwarz-weiß, rot-schwarz, blau-blau. Sie werden hinter die grünen Rateboxen geführt. Ein erster Steckbrief erscheint auf der Leinwand über ihnen, wir dürfen sie also näher kennenlernen. Mit markanter Stimme werden in bester Rhetorik interessante Details verraten: Hobby, Meinung, Träume, Pläne ... Es sind drei sehr unterschiedliche, drei sehr interessante Mädchen, grundverschieden, finde ich.



Die „Quizshow" beginnt. Fragen müssen auf Kommando beantwortet werden. Die drei erhalten dazu jede vier Schildchen zum Hochhalten, A, B, C, oder D. Es sind schwere Fragen. Es sind keine, die man einfach so knackt. Es sind Fragen zu politischen Positionen, gesellschaftlich relevanten Themen, Situationen, die Zivilcourage erfordern, das „Klappe aufmachen": „Wie würdet Ihr reagieren?" „Was würdet Ihr tun?" „Was wäre Euch am wichtigsten?" Das Problem: nicht alle Antworten sind alternativ möglich, wie im richtigen Leben. Eine Entscheidung für ist auch eine Entscheidung gegen.



Ich denke mit, mich interessieren weniger die Antworten der drei Mädels, die wohlüberlegt, ruhig und selbstbewusst die Schildchen wählen und hochhalten. Mich interessiert im Moment meine eigene Position zu der einen oder anderen Frage. Auch so kann Gottesdienstinhalt ankommen, ungewohnt aber sehr treffsicher. Prima. „Klappe aufmachen" ist nötig, Standpunkt beziehen, Meinung vertreten, Kopf hinhalten. Das habe ich verstanden. Und ich muss manche meiner eigenen bisherigen Positionen überdenken.
Die Kandidatinnen werden von Laura und Carsten erlöst. Der Jugendchor singt noch ein Lied: „This is my Desire". Pause, einige Minuten. Der Saal scheint zu brodeln, raus, rein, unbeschwertes Gequatsche, manche Wiedersehensfreude.


Musik holt mich zurück in den Saal. Drei andere Kandidaten besetzen die Quizpulte, zwei neue Moderatoren, Madeleine und David. Es kündigt sich eine „Karaoke-Show" an. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl, hätte in diesem Moment gern eine Fernbedienung, um wegzuschalten. Ich mag nicht sehen, wenn sich Menschen auf der Bühne mehr schlecht als recht produzieren wollen, blamieren, zum Löffel machen und sich scheinbar noch gut dabei fühlen. Ich mag es auch nicht spaßeshalber.



Aber ich habe jetzt keine Fernbedienung. Muss es aushalten, dass Jonathan selbstbewusst hinter seiner Box hervorgeschlenkert kommt, etwas von Musikalität faselt, süffisant grinst – man, ist das peinlich – und dann tatsächlich Takte aus einer Oper singen will. Ich beginne zu schwitzen, vergesse zu fotografieren. Zwei drei miserabel klingende Töne, mit übertrieben schlechtem Tremolo. Er schwingt sich lässig wieder hinter sein Pult. Ich entspanne mich, nur kurz.
Jessica, Kandidatin Nummer Zwei, will auch, traut sich aber nicht. Sie kichert kindisch herum, aufgesetzt. Plappert dummes Zeug, grinst überspannt. Von Singen keine Spur, nicht den Hauch eines Ansatzes. Nur platte Albernheit. Jonathan höhnt ungeniert von der Seite, er bleibt der King. Wenn so etwas weh täte ...

Ich begreife glücklicherweise, wenn auch langsam, den Sinn dieser Parodie:  Klappe aufmachen braucht vor allem Inhalt! Klappe aufmachen macht nur Sinn, wenn das Denken zuvor Erfolg hatte.

Genau das muss Johannes ebenso vergessen haben. Er will auch reden, ist jetzt dran, öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Es folgen wenige Satzanfänge, die stockend mittendrin verenden ..., Luft ..., zähe Fetzen: „Kann man ... ma ... chen ... ...". Mein Hirn lahmt.

Deutlich hörbares Amüsement im Saal. Jeder scheint verstanden zu haben. Die Parodie ist als kritischer Exkurs sehr gut gelungen.



Eine kleinere Jugendchorauswahl erfreut nun meine stark angespannten und etwas strapazierten Sinne mit einem guten Gospelsong: „Deep River". Konzentriert und wohlklingend sanft erzählt dieses Lied die Geschichte des Auszuges des Gottesvolkes aus der Sklaverei.
Das können Jugendliche eben: die Vielfalt direkt nebeneinandersetzen, provozieren, und auch harmonisieren. Mein mulmiges Gefühl von eben weicht spürbar. Sie haben alles bewusst vorbereitet, genauso gemeint. „Entspann` dich, Junge! Hab` Vertrauen!"



Detlef Hummel beginnt seine Predigt. Auch das etwas ungewohnt. Er greift ungeniert die Geschwätzigkeit von Frauen an, und das angesichts des Umstandes, dass die Adventjugend Dresden „um drei Mädchen reicher" wird, und wirft ihnen ein herausforderndes Lachen zu. So kennen wir ihn, so mögen ihn viele, auch die jungen Leute. Das ist zu spüren.  

Er erzählt die alte Geschichte aus der Bibel von einer jungen Frau, die, in fremdes Land verkauft, erlebt, wie ihr Besitzer schwer erkrankt. Aber sie hegt keine Schadenfreude. Im Gegenteil, sie macht sich Sorgen und wünschte, Ihr Herr hätte Kontakt zum Propheten ihrer Heimat. Diese Haltung beeindruckt. Letztlich macht sich dieser erfahrene, knallharte Militärführer auf die Reise ins feindliche Land und wird tatsächlich geheilt. „Klappe auf – könnte klappen". Das muss kein Geschrei sein, keine große Rede. Eine Haltung ist nötig, Motivation, etwas Courage, und vor allem Vertrauen.
Detlef Hummel verknüpft geschickt das Reden „Klappe auf" mit dem Vertrauen „könnte klappen".

Während ich zuhöre schießt mir durch den Kopf, dass ich manchmal den jungen Leuten wenig zutraue. Desinteresse an den Dingen, Bequemlichkeit, Phantasielosigkeit sind Begriffe, die mir hin und wieder vorschnell einfallen. Dieser Gottesdienst belehrt mich eines Besseren. Die jungen Leute haben Potential, zeigen Mut, ihre Meinung deutlich zu sagen und meine Ansichten, meine Erfahrung zu provozieren.
Das ist doch genau das, was gebraucht wird. Insofern rüttelt mich dieser Gottesdienst auf in meinem eigenen Desinteresse, meiner Bequemlichkeit und Phantasielosigkeit. So etwas fordere ich so oft vom Gottesdienst. Heute passiert es. Eine Bild- und Textmeditation fasst alles noch einmal wunderbar zusammen, ich kann ausgezeichnet folgen.



Nun dürfen wir noch ein letztes Mal das hübsche Lächeln der drei jungen Damen sehen. Segensgebet, Handauflegen. Gratulation und Willkommensgruß durch  Frank, den Jugendleiter. Das Geschenk an die drei präsentiert er durch eine schnelle Fotofolge: Jugendgruppe in Aktion, Jugendgruppe mit viel Spaß, Jugendgruppe auf großer Fahrt, Jugendgruppe bei Sport und Spiel, Jugendgruppe durch dick und dünn – das ist der Hauptpreis dieser Jugendaufnahme-„Show". Blumenstrauß – mit kitschiger Glasvase, eine Tasche mit Klappe – echtes Unikat, eine Umarmung. Es folgen mit ihrem Gruß die beiden Leiter der Adventgemeinden Radeberg und Dresden-West.





Zum Schluss ein gemeinsames Segenslied, das wir als Gottesdienstgemeinde gemeinsam singen, danach eine Einladung der Jugendlichen zu einem Gruppenfoto draußen vor dem Haus. Jugendliche können manchmal so altmodisch sein – nicht wirklich, wie man sieht. So sind sie eben ...




(Fotos | Text: LU)