Bericht mit Bildern

Samstag | 17.04.10

Musikalischer Familiengottesdienst

Gemeinde Dresden-West

Gott als Schöpfer zu loben mit all unseren musikalischen Möglichkeiten war Anliegen dieses besonderen Familiengottesdienstes.




Der Raum ist bis auf den letzten Platz besetzt. Eng geht es zu, familiär könnte man es bezeichnen. Denn heute sitzen wir nicht wie im Kino, sondern in einer irritierenden Geometrie der Stuhlreihen. Man kann sich anschauen. Kreis kann man es aber nicht nennen. Wir sitzen verschachtelt, versetzt, zueinander gewandt. Die Erwartung ist den Gesichtern anzusehen – musikalischer Familiengottesdienst.



Musik setzt ein, das Vorspiel zu einem ersten Gemeindegesang: „Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erden, erfreue sich alles, was fröhlich kann werden!". Orgel, Trompeten und Posaunen bieten einen rauschenden Klangteppich zu diesem Lied aus dem 17. Jahrhundert. Schnell ist der Morgenkater verflogen. Das Singen macht Freude, setzt in Gang. Ein Wechsel entspinnt sich zwischen den Instrumenten und den Stimmen. Sechs Strophen, manchmal kann so etwas ermüden. Heute früh bei Sonnenschein wecken sie Lebensgeister.



Das folgende Gebet bringt Stille in den Saal: „Schweigen möchte ich ..." sind die ersten Worte, die angesichts der wunderbaren Schöpfung Gottes menschliches Staunen beschreiben. Lautes Lob und stilles Innehalten – das soll Thema dieses besonderen Gottesdienstes sein.



Viele Gäste sind gekommen, Freunde, auch Musiker. Das Blechbläser-Ensemble con licenza verzaubert uns mit rhythmusstarken Sound aus sieben Instrumenten. Trompeten, Posaunen und eine Tuba lassen den Raum, uns alle zu Resonanzkörpern werden. Musikgenuss pur.



Plötzlich steht ein junger Mann auf, spricht laut über unsere Köpfe hinweg die ersten Sätze eines alten Psalms der Bibel. Ein Mädchen erhebt die Stimme an anderer Stelle des Saales und führt den Gedanken weiter. Nein, es ist nicht mehr der alte Text. Die jungen Leute haben ihn aktualisiert, mit neuen Begriffen, anderen Bildern. Von der Empore ertönt eine Stimme, dann plötzlich direkt neben mir. Vielleicht hätte ich nicht zugehört, hätte nach der Trompetenmusik ein wenig abgeschaltet. So aber bleibe ich wach, folge bereitwillig den Gedanken des Textes.



Und wieder bin ich etwas irritiert. Neben der Orgel erhebt sich auf einmal eine ganze Gruppe. Der Gemeindechor sitzt heute mitten im Raum, das habe ich so noch nicht erlebt. Es setzt kein bekanntes Pilgern Einzelner auf ein geheimes Zeichen hin ein, um sich zu einem Ganzen zusammenzufügen. Keine Unruhe im Saal, keine leeren Plätze. Die etwa fünfundzwanzig Sängerinnen und Sänger bringen uns auf Augenhöhe ein wunderschön klingendes „Shalom" entgegen. Shalom, der Frieden Gottes für unsere Welt – das ist das Thema dieses Liedes. Fast nahtlos mutet mir der feurige Einsatz eines Klaviers an, das uns das Mitsingen mit den Chorsängern ermöglicht. Das Tempo ist enorm, es packt zu, reißt mit: „Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht!" Glücklicherweise dürfen wir stehen zum Singen.

Das Foto eines Nadelbaumes erscheint an der Leinwand, eine Kiefer. In einer leisen Meditation werden wir anhand dieses Baumes in das Nachdenken geführt: eine Baumkrone, der Stamm, Nadeln, Blüten, Zapfen, Wurzeln. Wir seien wie ein Baum, wir Menschen. Wo ankern unsere Wurzeln, wohin streben wir?

Und wieder dürfen wir mitsingen. Die Bläser unserer Gemeinde und die Bläser von con licenza bilden dazu ein größeres Orchester. Der Boden vorn im Saal dürfte nicht schmaler sein. „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht, die Weisheit deiner Wege, die Liebe, die für alle wacht, anbetend überlege: so weiß ich, von Bewundrung voll, nicht, wie ich dich erheben soll, mein Gott ..." Das Lied von Christian Fürchtegott Gellert wird zu einem weiteren Baustein dieses wunderschönen Gottesdienstes. Die faszinierenden Fotos verschiedenster Tiere dieser Erde, wirken an dieser Stelle wie eine Bestätigung des eben Gesungenen.





Selbstverständlich sind auch Kinder mitten unter uns. Jetzt kommen sie in den kleinen engen Kreis, der durch die Reihenanordnung in der Mitte des Saales gebildet wurde. Ein Lied möchten sie singen, und tun das mit Begeisterung. Große Augen, runde Münder – Schmunzeln ist auf den Gesichtern der Erwachsenen zu sehen. Gott loben, ihm ein Lied singen, das kommt den Kleinen offenbar leicht von den Herzen: „Meinem Gott gehört die Welt, meinem Gott das Himmelszelt. Ihm gehört der Raum, die Zeit. Sein ist auch die Ewigkeit." Einige einfache Instrumente – Zimbeln, Rasseln, Trommeln – wurden ausgeteilt unter den Erwachsenen. Beim letzten Lied der Kinder dürfen wir mitsingen, und mit spielen. Einer der Bläser von con licenza, Musikdozent von Beruf, hat sichtlich Freude mit einer Triangel. Ein älterer Mann streicht zaghaft über ein Rasseln verursachendes Instrument. Ein fast harmonischer Klang exotisch klingender, rhythmischer Töne untermalt den fröhlichen Gesang der Kinder.





Nach einer Pause werden wir von schmetternden, fetzigen Klängen durch das Bläser-Ensemble zurück ins Haus gerufen. Aber es ist nicht Zeit zum längeren Zuhören. Mit dem Kanon: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!" sind wir wieder ganz aktiv dabei im musikalischen Familiengottesdienst. Ein Lied, drei Gesangsgruppen, Klavier, Bläser. So kann ein Kanon spannend werden. Noch einige Bilder von Menschen verschiedenster Hautfarben und Kulturen. Dann ein für uns noch unbekanntes, frisch modernes Lied, das uns die Jugend zu Ohren bringt – begleitet mit Bassgitarre, Flöte, Bongo und Klavier. Wir wollen mitsingen, und wir singen mit nach einigen Takten Unsicherheit. Es macht Freude, der Sound ist angenehm.



Zu jedem Gottesdienst gehört auch eine Predigt. Andreas Hildebrandt hat zwei Weingläser mitgebracht, und einen Vorschlaghammer. Auch die Kinder sitzen gespannt auf ihren Stühlen und warten mit einer inneren Befürchtung. Wir sind wunderbar gemacht, wir Menschen. Mit diesen Gedanken beginnt die Predigt, und verweist darauf, wie beeindruckend das Zusammenspiel der verschiedenen Organe und Funktionen unseres Körpers ist. Die Begeisterung darüber ist Andreas Hildebrandt anzusehen: seine Augen leuchten, er sucht nach Worten, die beschreiben, wie ihn all das fasziniert. „Diese Hände können Zerbrechliches heben, dosieren die Kraftverteilung ganz genau – durch die Muskulatur, in Bewegung der verschiedenen Gelenke, den Druck der Fingerspitzen auf dieses dünne Glas." Die Kinder staunen, wir Erwachsenen fühlen uns erinnert an Bekanntes. Andreas Hildebrandt greift zum schweren Hammer. Kinderaugen folgen der langsamen Bewegung bis hinauf in Überkopfhöhe. „Und diese Hände können zupacken, Schweres heben, ungeahnte Kräfte entwickeln, zerschmettern." Die Predigt macht aber auch die Zerschlissenheit der Schöpfung Gottes anschaulich, bedauerliche Prozesse, die wir Menschen oft ungeachtet der Folgen verursachen. Erlösung ist nötig. Irgendwie sehnt sich jeder danach. Ich kann den Worten gut folgen ...



Der Gedankengang wird unterbrochen. Wir dürfen singen. Ein Lied der Vorfreude – vom zögerlichen Tasten hin zu Tanzen und Springen. Und so wird uns der Charakter des Liedes erklärt: wie eine Braut, die in dem schönen Kleid die ersten Schritte, immer sicherer dann, zu guterletzt in Vorfreude der Hochzeit tanzt. Das Mitsingen Takt für Takt gelingt, macht Freude. Immer schneller geht das „Lei, lei, lei, lei. Und Trauer wird verwandeln sich in Freud, denn ich will trösten sie im Leid, und sie soll'n sich freu'n nach ihren Sorgen!" Die Lust zu tanzen beginnt in meinen Beinen zu kribbeln. „Lei, lei, lei, lei ... " 

Nun lässt sich dem zweiten Teil der Predigt wieder gut lauschen. Gott möchte alles neu machen: diese Erde, die ganze Schöpfung – und wir sollen Freude daran haben. Der Funken springt über. Die Vorfreude von Andreas Hildebrandt scheint anzustecken. Ich schaue in die Runde und kann ähnliche Freude, strahlendes Gespanntsein, auf vielen Gesichtern entdecken. Gott gibt seine Welt nicht aus der Hand! Dieser Gedanke kommt an, bleibt in der Erinnerung an diese Predigt.



Noch ein wunderschönes Chorlied, ein gemeinsamer Choral mit Bläsern, Klavier und Orgel „Wachet auf, ruft uns  die Stimme ...", ein Segenswort – zum Schluss einige Minuten Stille. Es war ein schöner, ein gelungener, ein gesegneter Familiengottesdienst.

Ein Dankeschön an alle, die zum Gelingen beigetragen haben durch Phantasie, durch ihre Kreativität, durch viel Engagement. Dank an Holger Züllich für seine Motivation und das Zusammenhalten aller Fäden während der Vorbereitung. Ich freue mich auf ein nächstes Mal, wenn es heißt: Musikalischer Familiengottesdienst in der Adventgemeinde Dresden-West.


(Fotos | Text: LU)