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Text des Monats

Alle Jahre wieder

Es war ein schönes Telefonat. Nach den dienstlichen Belangen plauderten wir nett mit­einander, so wie es gute Freunde tun, die eben auch beruflich verbunden sind. Ein gutes Gespräch, um einen grauen Novembertag etwas besser zu ertragen.

Nach dem: „Wir müssten uns doch wieder mal treffen …“ kam es dann aber wieder: „… aber nicht mehr vor Weihnachten – dass ist zu eng!“ Ein Satz, der mich jedes Mal, wenn ich ihn höre oder selber ausspreche, mit einer Mischung aus Erstaunen und Beklemmung trifft. Vier, manchmal sogar sechs Wochen noch – und wir finden keine Zeit für eine persönliche Begegnung vor oder unter dem Weihnachtsbaum? Und dieses „keine Zeit“ beziehen wir auf Weihnachten: ein Fest, das wir Christen ja auf Jesus Christus und dessen Geburt zurückführen.
 
Da kam jemand, um uns Menschen zu begegnen – nicht telefonisch, nicht metaphorisch, nicht spirituell – sondern ganz persönlich. Da nahm sich jemand viel Zeit, um den Menschen, die den Kontakt zu Gott verloren hatten, die Hand zu reichen, sich von ihnen anfassen zu lassen, mit ihnen zu reden, auf ihre Nöte und Ängste zu hören und sie teilhaben zu lassen an seinem Leben. Weder ein voller Termin­kalender noch lange Distanzen, weder Raum noch Zeit oder gar düstere Zukunftsaussichten hielten Gott davon ab, die wohl „verrückteste“ Reise seiner Existenz zu starten: aus einer vollkommenen, göttlichen Welt hinab auf diesen blauen Planeten. Auch damals schon wie heute: in dem allgemeinen Durcheinander einer durch Volkszählung verursachten Massenbewegung nahmen nur wenige Menschen überhaupt Notiz von diesem Ereignis. Und wenn doch davon gehört, war die Geburt Jesu Einigen sogar eine sehr unliebsame Nachricht, wie es die Bibel zum Beispiel über König Herodes zu berichten weiß.

Wie ist das heute? Egal ob Atheist oder Christ: statt proklamierter „Stille Nacht, heilige Nacht“ aus dem Jahr 1818 (Text: Joseph Mohr) herrscht eher „Schrille Nacht, eilige Nacht“, wie Gerhard Schöne 1991 dieses alte Lied adaptierte.
So stimmten im November des vergangenen Jahres in einer YouGov-Umfrage knapp die Hälfte der befragten Deutschen der Aussage eher oder sogar total zu: „In der Adventszeit ist der Stress, im Vergleich mit dem Rest des Jahres, am größten.“ Dabei hielt sich der Prozentsatz derer, die dieser Aussage total zustimmten die Waage mit denen, die sie total ablehnten (15% zu 16%).

Wie hätte ich entschieden? Was macht diese Zeit – die wir uns doch mit Kerzenlicht, weihrauchähnlichen Düften und weihnachtlicher Musik besonders gemütlich machen – so anfällig für Verhaltensweisen, die wir nicht wollen und wahrscheinlich auch – zumindest explizit darauf angesprochen – verbal ablehnen würden: Streit, Zeitnot, Hetze und dem daraus resul­tierenden Stress? Ist es die – eigentlich – gute alte Tradition, unsere Lieben mit Geschenken zu überraschen, die uns in Stress versetzt? Oder ist es die – eigentlich – prima Idee, kurz vor Jahresschluss all das noch zu erledigen, was das Jahr über liegengeblieben ist oder was wir vor uns her geschoben haben, die uns die Zeit für Begegnungen raubt?
Überhaupt: hängt es vielleicht sogar mit dieser zeitlich engen Verbindung zwischen dem für uns Deutsche wahrscheinlich wichtigsten Fest des Jahres und dem unmittelbar darauf folgenden Jahreswechsel zusammen, dass wir das Fest und die Zeit davor nicht wirklich genießen können? Ist es vielleicht Resultat und somit Folge der Tatsache, dass Weihnachten als „Fest der Familie“ häufig Menschen zusammenführt, die sich sonst im Jahr abwartend bis abwehrend, vielleicht auch willentlich gar nicht begegnen und die scheinbar unvermeidbare Tatsache der Begegnung nun den Stresslevel deutlich nach oben treibt und die Streitanfälligkeit anheizt? Sind es die Feiern mit pseudo-weihnachtlichem Hintergrund in den Firmen, die uns die Zeit „rauben“ für erhoffte Begegnungen?

Vielleicht hat bei mir Vorweihnachtsstress auch ganz andere Ursachen: gehöre ich zu denen, die auf nächtlicher Straße hinter den hell erleuchteten Fenstern die sicher glücklichen Menschen beneiden? Erwartet mich vielleicht zu Hause nichts als kühle Einsamkeit. Oder liegt die Ursache tiefer – nämlich in einem Fest, dass gar zu häufig seiner ursprünglichen Idee und somit der Ursache beraubt wurde? Ein christliches Fest ohne Christus?

Ich suche keine schnelle Antwort nach dem Motto „Man müsste …“ oder „Man sollte …“. Meist greifen solche Sätze sowieso – wenn überhaupt – zu kurz. Vielleicht hilft aber der folgende Gedanke, einmal neu über Adventszeit und Weihnachten nachzudenken. Von Jesus – auf dessen Geburt Weihnachten ja ursprünglich zurückgeht – sind uns neben vielen anderen auch die folgenden bedenkenswerten Sätze überliefert. Wir finden sie im Bibelbuch  im von Matthäus verfassten Evangelium:

KOMMT HER ZU MIR, ALLE, DIE IHR MÜHSELIG UND BELADEN SEID;
ICH WILL EUCH ERQUICKEN.
NEHMT AUF EUCH MEIN JOCH UND LERNT VON MIR;
DENN ICH BIN SANFTMÜTIG UND VON HERZEN DEMÜTIG;
SO WERDET IHR RUHE FINDEN FÜR EURE SEELEN.
DENN MEIN JOCH IST SANFT, UND MEINE LAST IST LEICHT.

Neben dem geistlichen Gehalt vor allem für diejenigen, die an Jesus Christus glauben und ihre Lebenskraft aus der Beziehung zu ihm schöpfen, fallen zwei Dinge in diesem Text auf: Zuerst: diese Worte sind scheinbar für „Advent-Leidende“ geschrieben. Mühselig und beladen, so kommt solchen Menschen häufig die vorweihnachtliche Zeit vor. Und dann entdeckt man, dass Jesus etwas völlig Paradoxes als Gegenentwurf liefert: die Einladung, zu ihm zu kommen, verknüpft er mit der seltsamen Aufforderung, sein Joch zu schultern (Vielleicht hat er gerade an die Geschichte seiner Geburt im Stall, an Ochs und Esel gedacht).

„Na, danke auch ... “, denke ich: „da bin ich schon mühselig und beladen, und dann soll ich mir noch ein zusätzliches Joch aufladen!?“ Doch dann denke ich weiter, denke über das Joch nach, stelle mir vor, wie es Tieren sanft Richtung gibt, wie sie zum gemeinsamen Tun geleitet und dazu geführt werden, sich auf ein gemeinsames Ziel „auszurichten“.

So etwas könnte schon für ein bisschen Ruhe in hektischen Zeiten sorgen, fällt mir auf. Und die Gedanken treiben und keimen Ideen, und ich wünsche mir, die eine oder andere in die Tat umzusetzen. Und ich hoffe, dass dies mein Leben nachhaltig beeinflusst. Vielleicht ist ja dieses „Joch“ – etwas Abstand zu nehmen von all dem „Du musst noch ...“ und „Nun endlich ...“  – gar nicht so verrückt. Vielleicht vermag es etwas Ruhe und Fokussierung in meinen hektischen (Vorweihnachts-)Alltag zu bringen.

Vielleicht gehöre ich aber auch zu den Glücklichen, die mit all den zuvor beschriebenen Verhaltensweisen, mit dem Gedanken an Stress im Advent gar nichts anfangen kann, weil für mich die Adventszeit die geruhsamste und schönste Zeit des ganzen Jahres ist. Dann freue ich mich darüber und genieße es auch dieses Jahr! Und helfe denen, denen es nicht so geht, dieses große Glück in dieser so potentiell freudespendenden Zeit auch zu finden. 

DRi



 

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